Es war einmal, Teil 1: Die stärkste Empathiemaschine aller Künste

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Statistisch nicht erwiesene, aber gefĂĽhlt grundlegende Zutaten eines Kinobesuchs.

Diesen Mittwoch war ich endlich wieder im Kino. Sogar im Ableger einer Mainstreamkinokette, deren Säle mich eher selten mit einem Film zu locken vermögen. Da ich die Filmografie Tarantinos bisher nur im Heimkino entdeckte, verfolgte und noch keinen seiner Streifen im Kino genoss, war der Zeitpunkt gebührend, sich seinen neuen und neunten Film an jenem Ort anzusehen, für welchen er gemacht wurde. Projiziert auf eine Leinwand — dort, wo selbst die Hierarchie der Stufen und die mit Popcornduft versüßte Luft dem strahlend machtvollen Tonbild erliegt. Ich war voller Vorfreude.

Präambel

Film: Die stärkste Empathiemaschine aller Künste

Wir sind geboren in eine Box aus Raum und Zeit, genau genommen nach Einstein ins Raum-Zeit-Kontinuum. Wir können uns entwickeln und selbst unsere Persönlichkeit zu einem gewissen Maß verändern, da diese nicht derart vorbestimmt ist, wie es lange Zeit angenommen wurde. Dennoch bleiben wir, wer wir sind. Dieser internen Gefangenheit können wir entfliehen, indem wir uns zu uns selbst bekennen und über unsere Grenzen hinaus wachsen. Zweiteres gelingt uns durch Erfahrungen.

Erfahrungen können wir mit und durch andere Menschen erlangen; aber eben auch durch Filme.

Wenn ich in einen guten Film gehe, habe ich die Möglichkeit, für einen begrenzten Zeitraum das Leben eines anderen Menschen zu leben, in seine Schuhe zu treten. Ich kann erleben, wie es sich anfühlt, eines anderen Geschlechts, einer anderer Nationalität oder Ethnie anzugehören. Ich kann andere Zeitalter erleben und mich anderen Glaubens bekennen.

Filme sind für mich die stärkste Empathiemaschine.

Die Kombination aus akkustischen und visuellen Reizen lässt mich in eine fremde Welt eintauchen, in der ich nicht mehr in mir feststecke. In der ich mich mit anderen Menschen identifiziere. Filme können eine befreiende, horizonterweiternde Wirkung besitzen.

Meine Vorlieben entsprechen meinem Bias

Ganz offensichtlich habe ich eine Vorliebe für Filme. Ich liebe das, was sie auszudrücken und zu bewirken vermögen, genauso wie das zugrundeliegende Handwerk. Das Gesamtwerk aus Drehbuch, Inszenierung, Ablichtung, Schauspiel, Kulissen und allen weiteren Zutaten, kann eine einzigartige Erlebnissensation sein.

Wer mich kennt, weiß, dass ich eine Schwäche für gute Cinematography habe. Terrence Malicks Days of Heaven sei als Beispiel angeführt; darüber hinaus mehr oder wenig alles, was Emmanuel Lubezki mit seinem Blick und weiten Kamerawinkel einzufangen vermag.

Stil vs. Substanz

Ohne Einbezug von Horror — Jordan Peeles Get Out ausgenommen — präferiere ich kein Genre. Ich lasse mich von allem gerne in Besitz nehmen, was mit Liebe angefertigt wurde.

Ich bin der Ăśberzeugung, dass ein guter Film nicht zwingend einem komplexen Drehbuch entspringen muss. Nehmen wir John Wick (2014) als Beispiel, der aus purer Liebe fĂĽr handgemachte Action gedreht wurde. Die Handlung ist simpel und vorhersehbar. Dennoch sind die visuelle AusfĂĽhrung und genialen Kampfchoreographien derart originell und packend, dass der Stil des Films seine Substanz ĂĽberschattet.

Visuell ist John Wick eine Fortschreibung des 40er und 50er Noire, was er zu zeigen weiĂź und dabei keinen Anspruch stellt, mit Substanz ĂĽberzeugen zu mĂĽssen.

Eine neue Ära der Mittelmäßigkeit

Disneys seelenlose Realverfilmungen der letzten Jahre enttäuschen mich. Polarisierende und ernsthafte Themen werden weiträumig umschifft, einziges Ziel ist durch seichte Unterhaltung die breite Masse anzusprechen und den monetären Endpunkt zu maximieren. Durch den Kauf von 20th Century Fox besitzt Disney mittlerweile die Hälfte der im Mainstreamkino ausgestrahlten Filme, Marken und Franchises. Adieu, diverser Kinomarkt.

Die Macht Disneys bekam auch schon Quentin Tarantino zu spüren, indem der Konzern einem analogen Lichtspielhaus drohte, keine Lizenzen von Disneyfilmen mehr zu verleihen, wenn nicht ein parallel zu The Hateful Eight veröffentlichter Star-Wars-Film länger ausgestrahlt werden würde — entgegen des bestehenden Vertrages mit Tarantino. Das Kino brach diesen Vertrag, woraufhin sich Tarantino öffentlich vehement wehrte und klagte. Bis heute erfuhr Disney keine Folgen.

Werden computeranimierten Grafiken schlechter, anstatt besser?

Wer heutzutage Filme schaut, wird den Fängen von Computeranimationen (Computer Generated Imagery, CGI) ebenso wenig wie Disney entgehen können. An sich habe ich nichts gegen den Einsatz von CGI. Mich nervt der exzessive Gebrauch, vor allem wenn hemmungslos Szene für Szene eingesetzt, à la: „We will make it work it in post-production“. Ob für Hintergründe oder als Ersatz praktischer Effekte eingesetzt — in den meisten Fällen erkennt unser Auge schnell, wenn das CGI nicht gut genug ist, uns zu täuschen. Die Reaktionen auf den neulich veröffentlichten Trailer zur Cats-Verfilmung (2019) zeigt deutlich, dass CGI schnell eine irreale Welt erschaffen kann, derer wir nicht verfallen und die wir nicht kennenlernen wollen. Unser Auge spürt, dass etwas nicht stimmt. Uns wird die Künstlichkeit der Leinwandwelt vorgeführt, was uns von ihr distanzieren lässt und in die Realität zurückwirft, anstatt wir eingeladen werden, uns auf sie einzulassen.

Wir können unbewusst erkennen, wenn der Schärfegrad oder die Feinheit einer Textur nicht realistisch genug ist. Oder wenn Objekte nicht den physikalisch definierten Gesetzen des Lichts folgen, respektive sich zu leichtgewichtig anfühlen. Wir sehen die Welt jeden Tag — ein fiktives Element in diese einzubauen heißt automatisch, den Grad der realen Perfektion erreichen zu müssen.

Es ist einige Jahre her, als ich dachte, dass CGI nur besser werden könnte. Die fast ausschließlich virtuell erschaffene Welt von Avatar verblüffte mich, als den Film ich 2009 im Kino sah. Doch wenn ich jetzt beispielsweise Jurassic World: Fallen Kingdom (2018) mit Jurassic Park (1993!) vergleiche, finde ich jeden Dinosaurier aus dem ersten Teil deutlich angsteinflößender. Mit anderen Worten: Jurassic World lässt mich kalt; der typische Tyrannosaurus wirkt… unecht. Seine Haut plastikartig und nicht real. Das ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass in Jurassic Park so weit es ging praktische Effekte eingesetzt wurden. Alle Szenen, in denen CGI zum Einsatz kommt, belaufen sich auf sechs Minuten. Mehr nicht. In Jurassic World hingegen ist kaum eine Minute effektlos. Was übrigens auch dramaturgisch die machtvolle Präsenz mindert. Anstatt Dinosaurier akustisch anzudeuten oder in Nahaufnahmen praktische Effekte zu nutzen, bekommt man die CGI-Kreaturen ständig unter die Augen gerieben. Wie es auch in allen Marvel-Filmen und Blockbustern ohnehin der Fall ist. Immerhin gibt Ausnahmen wie Der König der Löwen (2019), der komplett computeranimiert ist und makellos aussieht.

Mit modernen digitalen Technologien sind großartige Szenen kreierbar. Die Möglichkeiten, eine fiktive Welt auf der Leinwand zu erschaffen, Gesichter von Schauspielern künstlich altern lassen oder zu verjüngern sind atemberaubend. Wenn qualitativ hochwertig um- und balanciert eingesetzt, tauche ich liebend gern in eine fiktive Welt ein. Das heutige CGI kann nach wie vor gut sein, wenn es nicht in jeder Szene zum Einsatz kommen würde. Das Feld um visuelle Effekte ist hochgradig kompetitiv und Studios wollen die besten Effekte in der kürzesten Zeit zum geringsten Preis einkaufen. Kein Wunder also, dass die Qualität in einem CGI-lastigen Film leidet. Ich wünsche mir weniger Effekte, in die dafür umso mehr Zeit gesteckt wird. Damit die Künstlichkeit eines visuellen Effekts die Chance bekommt, eins mit der Szene zu werden.

Nichtsdestotrotz ziehen mich praktische Effekte mehr in den Bann, selbst gegenĂĽber technisch gutem CGI. Was hat der emotionale Impakt und die Spannung eines explodierender Stern in Star Wars gegen einen frontal umkippenden Truck in Christopher Nolans The Dark Night? Den Lastkraftwagen kann ich greifen, an Spiegelungen und Schattierungen des Fahrzeugs konstatieren, dass es sich um ein reales Fahrzeug handelt, und die Wucht spĂĽren, mit der er auf dem Asphalt aufprallt.

Martin Scorsese versteht es blendend, die Möglichkeiten einer computeranimierten Grafik so einzubetten, dass er Zuschauer nicht einmal auf die Idee kommt, dass CGI genutzt wurde:

Meine Gedanken zum geschmackvollen und unterstĂĽtzenden Einsatz von CGI — im Sinne, dass uns die kĂĽnstlichen Elemente mehr in den Film saugen, anstatt uns infolge mangelnder Sorgfalt die Natur des Films als Fiktion vor Augen gefĂĽhrt wird — wurde in diesem Video treffend auf den Punkt gebracht: Why CG Sucks (Except It Doesn’t)

Ritter des Analogen Films

Gleich wie Christopher Nolan oder Damien Chazelle schätze ich Quentin Tarantino für seine Liebe für und klare Haltung das/zum analoge/n Kino. Ich schätze Regisseure, welche die analoge Tradition bewahren.

Filmemachern geben digitale Kameras einen gegenüber klassischen Methoden verhältnismäßig preiswerten Weg, ihre Vision umzusetzen. Mit direktem Playback. Entgegen Verfechtern des „Filmlooks“ habe ich gegen den Look digitaler Kameras nichts einzuwenden. Während im Übergang von analogem zu digitalem Kino der Filmlook von vielen Zuschauern vermisst wurde, hat sich das Blatt spätestens seit der Ära Netflix und anderer Streaminganbieter gewendet.

Netflix setzt für fast jeden Film auf das gleiche Kamerasetup, sodass sich unser Auge an die Bildschärfe und digitale Farbgebung gewöhnt, welches auch nach Color Correction und Color Grading bestehen bleibt und auch keine künstliche Körnung hinzugefügt wird.

Trotz umfassenden Tools kann bisher kein digitales Profil den Look eines analogen Films emulieren. Die Art, Licht einzufangen ist im Analogen ein chemischer Prozess, sodass das Bild von Grund auf anders detektiert und festgehalten wird, als das eines digitalen Sensors.

Meine Lust auf eben diesen klassischen Filmlook war groĂź, zumal gepaart mit der inszenierten Farbenpracht eines historisierten Hollywoods aus der Imagination eines Quentin Tarantinos.

👉 Teil zwei des Beitrags


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