Wantalon: Kuratierte Kunstparcours
Mobile App (seit 2022)
Zufällig stolperte ich über einen Artikel zweier Künstler aus Leipzig, Petra Mattheis und Sascha Nau, die in Zeitz ein seit mehr als zehn Jahren leerstehendes Gründerzeithaus gekauft hatten und sanieren wollten. Seit dem Fall der innerdeutschen Grenze hat Zeitz knapp ein Drittel seiner Einwohner verloren, fast ein Viertel der Gebäude steht leer – sie sehen darin kreativen Freiraum.
Ich bin eine halbe Stunde entfernt von Zeitz aufgewachsen, mir ist die Stadt aus Kindheitstagen bekannt. Umso ĂĽberraschender, dort auf einen Namen zu stoĂźen, den ich aus der Kirby-Community kannte. Ich schrieb Sascha kurzerhand an, um gutes Gelingen fĂĽr ihr Projekt zu wĂĽnschen. So kamen wir in Kontakt.
Als meine Partnerin und ich das erste Mal von Sascha und Petra eingeladen wurden, war das Haus noch eine Baustelle. Im Hinterhofgarten zwischen Ziegeln und Mörtel erzählte Petra von ihrer Idee, die in der Corona-Pandemie entstand, als Museen und Galerien geschlossen waren: Wenn niemand mehr zur Kunst kommt, muss die Kunst raus. Nicht in ein anderes Gebäude, sondern auf die Straße. Vorbei an Ruinen, Brachen und Leerstand, die dann keine Löcher mehr sind, sondern Orte.
Wantalon ist Petras Kunstprojekt; die Gestaltung von Sascha, die technische Umsetzung von mir. Im Althochdeutschen heiĂźt wantalĹŤn wenden, verwandeln, umgestalten.
Die Kunst zu FuĂź erschlieĂźen
Du öffnest die App und siehst die Stadt als Karte, übersät mit nummerierten Punkten. Jeder Punkt ist eine Station, und jede Station gehört zu einem Parcours – einer Route, die Petra und Sascha durch die Stadt gelegt haben, mit einem Thema und einer Reihenfolge. Unter der Karte wischst du dich durch die verfügbaren Parcours, und mit jedem wechseln die Punkte.
Startest du einen, wird die Karte zur Navigation: Sie sortiert die Stationen danach, welche von deinem Standort aus am nächsten liegt. Antippen verrät nur, wie weit es noch ist. Erst wenn du davorstehst, gibt die Station her, was an ihr hinterlegt ist – ein Text, ein Video, eine Aufnahme, manchmal an genau diesem Ort entstanden. So entdeckst du Station für Station die Arbeiten der Künstler, die auf dem Parcours vertreten sind.
Vier Parcours in zwei Städten
Bis heute sind vier Parcours entstanden, drei in Zeitz und einer in Leipzig.
- #zeitzseeing (Zeitz): Der erste. Petra und Sascha sind durch ihre eigene Stadt flaniert und haben fotografiert, was sie sahen – Vacancies, Quiet Quitting, Concrete Expressionism, Passing Sculptures. Siebenundvierzig Stationen auf sechs Kilometern.
- Schatten (Zeitz): Ging aus einem Open Call hervor. Zehn kĂĽnstlerische Positionen aus Albanien, Deutschland, der Schweiz und den USA, kuratiert von Diana Artus und Petra.
- Gespräche über Kohle (Zeitz): Was der Bergbau mit der Gegend gemacht hat, erzählt an den Orten, an denen man es noch sieht, und von Leuten, die die Erinnerung daran halten. Beginnt am Bahnhof.
- Dekadensprung (Leipzig): Stimmen aus dem Leipziger Westen, aufgenommen fĂĽr Wunderwesten, das Online-Magazin, das die beiden dort seit 2013 betreiben.
Ein GruĂź als digitale Postkarte
Hast du genug Stationen gesammelt, schaltest du die Ansichtskarten frei. Es sind fertige Motive, entworfen von Petra und Sascha, mit ausgeschnittenen Stellen, und in diese Löcher setzt du eigene Fotos von deinem Telefon. Schreiben lässt sich nichts, der Text steht schon auf der Karte. Die App rendert daraus ein Bild und reicht es an das Teilen-Menü weiter. Was beim Empfänger ankommt, ist halb von den Künstlern und halb von dir – das Abzeichen für eifrige Parcoursläufer.
Exkurs zum Tech-Stack
Gebaut ist Wantalon als Web-App, die in einem Gehäuse steckt: Ionic und Capacitor liefern sie als richtige iOS- und Android-App aus, darunter läuft Nuxt, die Karten kommen von Mapbox. Die Inhalte pflegen Petra und Sascha selbst in Kirby – jede Station, jeden Text, jedes Bild. Die App holt sie sich von dort.
Witzigerweise hat Kirby Headless, das Plugin, mit dem ich heute Kirby als Backend an Apps und Frontends hänge, in diesem Projekt seinen Ursprung.
Uran statt Braunkohle
Mein Heimatdorf Groitschen liegt im Ronneburger Bergbaugebiet. Ich erinnere mich an die Abraumhalden des Uranbergbaus, aus meinem Kinderzimmer in der Ferne sichtbar, obwohl die Förderung schon vor meiner Geburt eingestellt wurde. Bei uns war es Uran, in Zeitz die Braunkohle. Was mit einer Gegend passiert, wenn ihr abhandenkommt, wovon sie gelebt hat, musste mir dort niemand erklären. Vielleicht habe ich deshalb auch ehrenamtlich Zeit hineingesteckt.