»Still, After a Year?«

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Der Efeu wird noch eine Weile brauchen, die Kacheln zu überdecken. Die Zeit sei ihm gegönnt.

Dieser Kommentar nervt mich, wenn ich ihn höre.

Zeit fließt subjektiv. Erst recht im Rahmen von Trennungen. Die Pandemie fügt außerdem ein Bonbon hinzu, das je nach naschender Person Verarbeitungsprozesse verlangsamt oder verschnellert – Zeit dehnen oder Zeit raffen kann. Wahrscheinlich für beide Fällen gesprochen die gefühlte Intensität des Prozesses steigert. Das muss nicht unbedingt angenehm sein.

Auf die Verarbeitung der Trennung von meiner Freundin bezogen wird Zeit gedehnt. Ich erlebe meine Verabeitung intensiv.

Wie lange ein Mensch mit einem Umstand zu kämpfen hat, sollte ihm überlassen sein. Man kann ihn nach seinem Ergehen fragen, ihm beistehen und vielleicht sogar helfen. Vielleicht kann man auch nichts für ihn tun, so sehr man wollte. Jede Möglichkeit ist verständlich und OK. Eine Wertung des Prozessfortschritts aber nicht. Selbst wenn es länger als das statistische Mittel oder der eigenen Erfahrungen nach zu urteilen dauert.

Jede Beziehung ist einmalig. Liebe empfindet jeder Mensch anders. Das verwobene Band zwischen zwei Personen war für beide sicht- und spürbar. Mit dem getrennten, losen Ende, kommt dann nur noch die jeweilige Seite in Berührung. Je nach Handwerkszeug und Kraft verknüpft sie die Fransen des Endes, um aufdröseln zu verhindern und den Verlust des anderen Endes zu lindern.

Jede Trennung ist einzigartig. Sie hält Hürden und Tücken bereit. Allgemein verbreitete – Schmerz mit Liebe gleichzusetzen als Beispiel – wie auch individuelle.

Ich wünsche mir für mein Zeitempfinden und den Aufwand meines Webens respektvollen Umgang. Trennungsschmerz und Fortschrittserfolge kommen in Wellen. Als Außenstehende oder Außenstehender bekommt man nur einen Teil zu sehen. Niemand kann in die Seele eines anderen Menschen blicken.

Wie ich die Trennung derzeit erlebe, hielt ich gestern so fest:

Trennung und Pandemie nahmen mich in die Mangel und forcierten mich, hinzuschauen. Ins Gesicht desjenigen im Spiegel. Was sehe ich? Was will ich sehen? Dazu wirkte die Reise nach Norwegen wie ein Katalysator und bewegte mich genau so zur Reflexion. Je weiter ich mich von meinen Wurzeln entfernte, desto nackter wurde ich. Die Hüllen eines stärkenden Schutzinstinkts brachen ein. Trennungsphase eins endete.

Ab der folgenden Phase waren die Augen, die sich spiegeln sollen, mein Zielkriterium. Schreiben half, um mich von einem Gefühl der Schuld zu befreien. Schuld, die es dann doch nicht gibt. Zwei waren Teil einer Dynamik, die unkontrollierbar und toxisch wurde. Jeder hat nach seinem Ermessen bestmöglich gehandelt, egal, was das war. Diese Trennungsumstände zu rekonstruieren ist hart. Gescheitert sein einzugestehen. Ein Wort dominierte mein Denken – „hätte“. Hätte ich gekonnt, hätte ich gesehen. Die Monate danach wurde es besser. Ich erlangte Frieden und Selbstwert.

Nun mangelt es mir nicht an Ängsten – Existenzängste allem voran. Nahm mich diesen an und schraubte an meinen Fertigkeiten und Wissen. Das kann gut ablenken. Eine Weile.

Definitionen späterer Trennungsphasen kenne ich nicht. Also keine Ahnung, wo ich stehe. Irgendwo bei „besser“. Ich schätze den Tag, wenn es nicht weniger ist. Heute ist Ostersonntag. Ich versuche zu ruhen. Ruhen heißt Einkehr. Fühlt sich leer an.

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